Beiträge
Voller Erfolg für 7. Gartenreich-Forum zum Thema „Zukunft der Toleranz“
- Veröffentlicht von Andreas Greiner
Toleranz ist vermittelbar. Das zeigte am 14. Oktober 2026 eindrucksvoll die inzwischen siebte Auflage des Gartenreich-Forums der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlitzer Gartenreiches. Im historischen Gasthof „Zum Eichenkranz“ begrüßte der Vorstandsvorsitzende, Dr. Reiner Haseloff, 65 Interessenten, darunter Mitglieder, Gäste und Referenten sowie Schüler und Lehrkräfte aus fünf regionalen Schulen. Gemeinsam gingen sie der Frage nach, wie sich trotz unterschiedlicher Überzeugungen und Lebenserfahrungen respektvoll zusammenleben lässt.
Immerwährende Bereicherung für Zivilgesellschaft
„Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung fußt unter anderem auf den Werten und Weltanschauungen, die in Europa durch die Epoche der Aufklärung geprägt sind. In dieser Zeit wurde versucht, religiöse und weltanschauliche Traditionen für eine säkulare beziehungsweise moderne Welt in der Form aufzubereiten, dass sie im Sinne von Toleranz lebbar und pflegbar bleiben und dadurch eine immerwährende Bereicherung für die Zivilgesellschaft darstellen. Unser diesjähriges Gartenreich-Forum konnte eindrucksvoll die unterschiedlichen Herangehensweisen pro Toleranz und contra Rassismus sowie Antisemitismus verbinden und die anwesenden Schülerinnen und Schüler sowie Gäste für diese zeitlosen Forderungen nachhaltig sensibilisieren“, so der Vorstandsvorsitzende.
Nach Professor Dr. Rainer Forst (Toleranz im Konflikt, 2003) ist die Toleranz zu zwei Seiten hin begrenzt – zum einen zu dem Bereich, mit dem man sämtlich übereinstimmt, bei dem Affirmation, also keine Ablehnung besteht; zum anderen zu dem Bereich des nicht Tolerierbaren, welcher strikt abgelehnt und zurückgewiesen wird. Die Zurückweisungskomponente umfasst Gründe der Ablehnung, die durch Akzeptanzgründe nicht mehr aufgefangen werden können. Daraus ergibt sich beispielsweise die Paradoxie der Wahrheitsrelativierung. Sie beschreibt, dass „falsche“ Überzeugungen abgelehnt werden, weil sie von der Wahrheit der eigenen Wertvorstellung abweichen.
„Das Gartenreich-Forum war sehr lehrreich, ich bin spontan mitgekommen und würde es definitiv wieder machen, weil der Austausch einfach wunderbar war. Es gibt viele Facetten von Toleranz. Besonders habe ich die Frage nach der Definition des Menschen Würde mitgenommen, dass er sie nämlich auch dann behält, wenn man ihn nach seinen Taten eher verurteilen würde“, so Marybelle B., Abiturientin am Liborius-Gymnasium Dessau.
Selbstverantwortung ist hohes Gut
Sechs Stunden lang reflektierten gemischte Gruppen aus Jugendlichen und Erwachsenen gemeinsam mit Vertretern der drei Weltreligionen Christentum, Islam und Judentum sowie des nichtreligiösen Humanistischen Verbandes verschiedene Weltanschauungen und erarbeiteten Unterschiede und Gemeinsamkeiten.
„Toleranz ist in unserer Gesellschaft so wichtig wie nie zuvor insbesondere vor dem Hintergrund, dass Vernunft und Aufklärung in Konkurrenz zu alternativen Fakten stehen. Das Gartenreich-Forum leistete einen wertvollen Beitrag für einen wertschätzenden und werteorientierten Diskurs in der Gesellschaft“, so Thomas Fehse, Vorstandsmitglied im Humanistischen Verband Deutschlands.
Als zentraler Grundsatz des Verbandes gilt das selbstbestimmte Leben. Alle sind gleich und haben die gleiche Würde, jedoch wird jedem ein individueller Zugang zu diesen Grundsätzen zugestanden. Es wird keine vorgegebene Lebensregel, sondern das kritische Denken gefördert.
„Es wurde deutlich, dass die Vorstellungen mit religiösen Grundauffassungen durchaus korrespondieren, die Selbstverantwortung jedoch ein hohes Gut ist. In der lebhaften Diskussion ging es darum, wie diese Verantwortung von Jugendlichen wahrgenommen werden kann, da ihre Gruppe auf Grund der Demografie im Gegensatz zu den Älteren eher klein ist. Die Jugendlichen mahnten deutlich an, dass sie sich zu wenig gesehen und gehört fühlten. Daraufhin wurden Beispiele von Engagement und Möglichkeiten für Mitwirkung aufgezeigt“, so Dr. Gudrun Weinert, Vorstandsmitglied und Co-Organisatorin des Forums.
Bereitschaft, sich mit Sichtweisen auseinanderzusetzen
Der Austausch zeigte deutlich, dass Toleranz keine Aufgabe nur der jungen oder nur der älteren Generation sei. Ihre Erkenntnisse, dass daraus im Alltag sowohl gleiche Rechte als auch gesellschaftliche Teilhabe und ein respektvoller Umgang folgen sollten, verarbeiteten die Teilnehmer in Musikvideos, als szenische Darbietungen und in Comics.
„Toleranz bedeutet für mich nicht Gleichgültigkeit, sondern die Bereitschaft, sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen und gemeinsame Lösungen zu suchen. Nehmen wir von diesem Austausch drei Dinge mit – die Bereitschaft, genauer hinzuhören, den Mut, unsere eigenen Urteile zu hinterfragen, und die Entschlossenheit, dort Haltung zu zeigen, wo Menschen ausgegrenzt werden“, so der frühere Bundestagsabgeordnete Dr. Karamba Diaby, der als Keynote-Speaker am Forum teilnahm.
Toleranz beginnt mit Anerkennung der Würde
Einigkeit unter den Teilnehmern zeigte sich darin, dass Toleranz auch Grenzen hat. Diskriminierung, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit seien keine gewöhnlichen Meinungsverschiedenheiten. Wenn die Würde eines Menschen verletzt werde, brauche es Widerspruch und Haltung.
„Toleranz im Islam beginnt mit der Anerkennung der Würde jedes Menschen und mit dem Respekt davor, dass Menschen unterschiedlich glauben, denken und leben. Der Koran formuliert dies in der Sure 2:256 mit dem Grundsatz ‚Kein Zwang im Glauben‘ und nimmt die Verschiedenheit der Menschen in Sure 49:13 zum Anlass, einander kennenzulernen. Zugleich ist Toleranz im Islam eng mit Gerechtigkeit verbunden. Selbst Ablehnung oder Feindschaft dürfen laut Sure 5:8 nicht dazu führen, ungerecht zu handeln“, so Mahdi Osmani vom Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt.
Historischer Bezugspunkt im Gartenreich
Historischer Bezugspunkt des diesjährigen Themas des Gartenreich-Forums war Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817). Er setzte Gedanken der Aufklärung in seinem Fürstentum um und gewährte religiöse Duldung. Eine Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung bedeutete das jedoch nicht, denn ihre bürgerlichen Rechte blieben eingeschränkt. Gerade dieser Unterschied zwischen Duldung und Gleichberechtigung macht das Thema „Toleranz“ bis heute aktuell.
Ein nächstes Gartenreich-Forum ist für 2027 geplant. (ah, Fotos: ah)